Kleine Selbstbiographie
von Kurt Hessenberg
[Diese Kleine Selbstbiographie erschien erstmals
als Eröffnungsartikel in der Monographie Kurt Hessenberg: Beiträge
zu Leben und Werk (Peter Cahn, ed.), 1990 veröffentlicht von
seinem Hauptverleger B. Schott’s Söhne (Mainz) zur Feier einer
lebenslangen guten Zusammenarbeit. Der Text erscheint auf dieser
Web-Seite mit der freundlichen Genehmigung des Verlages.]
In der „Frankfurter Concert-Chronik 1721–1780“ von Karl Israel
(neu herausgegeben von Peter Cahn 1986) finde ich unter
der Überschrift „Bestand der Frankfurter Kapelle im Jahr 1755“
einen „Trompetter Göring“ sowie den „Trompetter Albrecht“.
Beide waren Vorfahren von mir: Valentin Göring war mein Ur-ur-ur-urgroßvater,
sein Schwiegervater Johann Lorenz Albrecht hat also noch ein „Ur“
mehr aufzuweisen. Die beiden Genannten sind wohl die einzigen unter meinen
Altvordern, welche die Musik von Amts wegen betrieben, es sei denn, daß
der ebenfalls in besagter Chronik genannte Organist Johann Matthias
Albrecht (schon 1739 erwähnt) auch zu meinen Vorfahren gehört, was ich
nicht feststellen konnte. Ob sich allerdings meine musikalische
Veranlagung auf jene Stadttrompeter zurückführen läßt, scheint mir
zweifelhaft, zumal mir über die Musikalität der nächsten
Trompeter-Nachfahren, also zum Beispiel meiner Ur-ur-ur- und Ur-urgroßeltern
nichts bekannt ist.
Ich wurde am 17. August 1908 in Frankfurt am Main geboren als viertes
und jüngstes Kind des Rechtsanwalts Eduard Hessenberg. Meine Eltern waren
beide sehr musikliebend, die Mutter vorwiegend rezeptiv, der Vater aber
spielte immerhin so gut Geige, daß er sich an die Sonatenliteratur des
18. und 19. Jahrhunderts heranwagen konnte, natürlich nur innerhalb der
eigenen vier Wände. Im Streichquartett, das er regelmäßig mit Freunden
– unter Anleitung des erfahrenen Geigenpädagogen Ludwig Keiper –
pflegte, spielte er Bratsche. Die Musikalität habe ich wohl vor allem von
ihm geerbt sowie von seiner Mutter, die gut Klavier gespielt haben soll.
Zwei Urgroßväter verdienen besondere Erwähnung: der Senator und
Bürgermeister Dr. Georg Wilhelm Hessenberg sowie der fast gleichaltrige
Arzt Dr. Heinrich Hoffmann, der in Frankfur als Gründer einer für die
damalige Zeit (1864) fortschrittlichen „Irrenanstalt“, darüber
hinaus aber vor allem als Verfasser des „Struwwelpeter“ bekannt
geworden ist. Seine bildungsbeflissene, schöngeistige Frau, meine
Urgroßmutter Therese Hoffmann-Donner, war in jüngeren Jahren sehr
befreundet mit dem durch viele Brahms-Liederteste bekannten
Religionsphilosophen Georg Friedrich Daumer, und in unserer Familie ging
die Mär, mit dem Text des Liedes „Wie bist du, meine Königin…“
und anderem sei sie gemeint gewesen.
Mein Vater hat am ersten Weltkrieg vom Anfang bis zum Ende teilgenommen.
Nach dem Krieg war er beruflich etwas aus dem Gleis geworfen –
wahrscheinlich hätte seinem Naturell ohnehin der Beruf des Richters mehr
entsprochen als der des Anwalt. Jedenfalls gab es in unserer Familie immer
Geldsorgen, und wir mußten äußerst sparsam leben. Meine Mutter steuerte
einiges zum Haushalt bei, indem sie einen privaten Kindergarten aufmachte
– wir lebten damals im Hause meiner Großeltern, die einen schönen
Garten hatten. Zeitweise nahm sie auch deutsche oder ausländische
Pensionäre auf. Trotz allem haben meine Eltern es ermöglicht, nicht nur
mir, sondern auch zwei Geschwistern Musikunterricht erteilen zu lassen.
Ich selbst erhielt mit neun Jahren meine
erste Klavierstunde am Privatmusiklehrer-Seminar von Dr. Hoch’s
Konservatorium, und nachdem ich die Notenschrift beherrschte – ich kann
mich nicht erinnern, sie „erlernt“ zu haben – begann ich auch
schon, innerlich Gehörtes aufzuschreiben. Die erste niedergeschriebene
Komposition war für Klavier zu vier Händen und hieß „Deutscher
Reitermarsch“, er bestand nur aus Tonika und Dominante und begann mit
dem Wechselnotenmotiv des „Radetzky-Marsches“, ging dann aber (leider)
ganz anders weiter. Ich erinnere mich noch gut an den beseligenden
Augenblick der Inspiration: Ich war zur Sommerfrische bei Bauern auf dem
Lande und lag zur Nachtruhe in einem schweren Daunenbett – da kam es
über mich: Am nächsten Morgen kaufte ich in der einzigen
Gemischtwarenhandlung des Dorfes einen Konzeptbogen (Notenpapier gab es
natürlich nicht), notierte darauf den unersetzlichen Einfall (C-dur) und
führte die Komposition mit zahlreichen Wiederholungen zu einem
glücklichen Ende.
Von den Ferien heimgekehrt, war ich immer noch inspirationsberauscht
und schrieb für meine Eltern zu Weihnachten einige kleine zweihändige
Klavierstücke. Diese waren insofern ein kleiner Fortschritt gegenüber
dem „Reitermarsch“, als sie harmonisch etwas abwechslungsreicher
waren, auch Tonarten wie A-dur und sogar e-moll miteinbezogen. Sie hatten
Titel wie „Jägerliedchen“, „Waldandacht“, „Valse“, („Walzer“
schien mir wohl zu vulgär) und „Letzter Gedanke an Joseph Haydn“
– diese Überschrift wählte ich wohl als Reminiszenz an das in einem
Sammelband entdeckte Stück „Webers letzter Gedanke“ (das ja
bekanntlich nicht von Weber ist). Ein oder zwei Jahre später habe ich das
Wort „Letzter“ schamhaft gestrichen: mit Recht, denn es war
tatsächlich nicht mein letzter Gedanke an den von mir besonders verehrten
Komponisten. Ursprünglich hatte mir bei dieser Sammlung eine Art „Album
für die Jugend“ vorgeschwebt, sie geriet dann aber über sechs
Stückchen nicht hinaus, und ich kann über diese erste „Schaffensperiode“
zusammenfassend nur sagen, daß ich das genaue Gegenteil von einem
komponierenden Wunderkind war, zumal in der Folgezeit meine
kompositorische Aktivität ohnehin etwa zwei Jahre lang durch andere
Interessen (Klavierspielen, Lesen) verdrängt wurde.
Im Alter von knapp zwölf Jahren wechselte ich die Klavierlehrerin: Ich
bekam Privatunterricht bei Frau Irma Gebler, die Lehrerin an der „Vorschule“
von Dr. Hoch’s Konservatorium war, und dabei blieb es während meiner
ganzen weiteren Schulzeit.
Unsere pekuniäre Lage brachte es mit sich,
daß ich Konzerte und Theaterauffährungen damals nur recht selten
besuchte, und wenn, dann meistens mittels mir geschenkter Eintrittskarten
oder auf der billigen Stehgalerie der Oper.
Eines leisteten sich meine Eltern trotz allem noch verhältnismäßig
lang, nämlich zwei Abonnement-Karten für die Kammermusikabende der
Frankfurter Museums-Gesellschaft. Da verzichtete die Mutter oder der Vater
manchmal zu meinen Gunsten, und ich hatte Gelegenheit, das Rosé-Quartett,
das Busch-Quartett und das Klingler-Quartett zu hören. auch das „Tschechische“
– damals nannte man es das „Böhmische Streichquartett“ – mit
dem Komponisten und Dvorák-Schwiegersohn Josef Suk als zweitem Geiger.
Das waren immer große musikalische Erlebnisse für mich.
In jenen zwanziger Jahren gab es auch Konzerte im Volksbildungsheim,
sogenannte „Volkskunstabende“, die ich, da der Eintritt nur 30
Pfennige kostete, oft besuchte. Hier konnte ich das Lenzewski-Quartett,
das Amar-Quartett oder Paul Hindemith als Brtschisten mit Emma Lübbecke-Job
am Klavier und manche andere Kammermusik-Vereinigungen hören, wobei mein
Interesse allerdings immer mehr den Werken als ihrer Interpretation galt.
Als ich fast 13 Jahre alt war, übermannte mich wieder der
kompositorische Schaffenstrieb, und ich schrieb für meinen auf dem
Violoncello dilettierenden Bruder eine „Kleine Fantasie“ für Cello
und Klavier, dann eine Sonatine für Klavier vierhändig, ein
zweihändiges Larghetto (eine Art „Lied ohne Worte“) sowie
Variationen über das Volkslied „Freut euch des Lebens“ für
Klavier, bald danach eine sich über circa 50 Seiten erstreckende
Violinsonate, eine Violoncellosonate und ein Klaviertrio, beides von
ähnlicher Ausdehnung, „Fantasiestücke“ für Klavier und anderes
mehr.
In der Kunst des Tonsatzes wurde ich während meiner Schulzeit
zunächst nicht unterwiesen, zusätzlich zum Klavierunterricht konnten
meine Eltern dafür die Mittel nicht aufbringen. Als ich knapp 15 Jahre
alt war, besuchte uns eines Tages eine alter holländische Freundin der
Familie, horte von meinen tonsetzerischn Ambitionen und drückte mir einen
Geldschein in die Hand. Dieser reichte, soweit ich mich erinnern kann,
für etwa fünf Privatstunden bei dem Organisten Karl Breidenstein, der
mir sehr gewissenhaft die Grundbegriffe der Harmonielehre beibrachte. Ich
zeigte ihm auch meine damals vorliegenden Kompositionen, an denen er trotz
einer gewissen Anerkennung mitvollem Recht das Fehlen einer stilistischen
Eigenart bemängelte. Ich muß allerdings gestehen, daß ich mir diese
Kritik damals nicht sehr zu Herzen nahm und weiterhin während der recht
spärlichen Freizeit, die mir Schule und Klavierüben ließen, in einem
mehr oder weniger eklektischen Stil und ohne sonderlich Beachtung der
satztechnischen Regeln Diverses für Klavier, für Violoncello und Klavier,
dann unter Ausbeutung des elterlichen Bücherschranks auch Lieder mit
Klavierbegleitung komponierte: nach Gedichten von Walther von der
Vogelweide, Herder, Uhland, Rükkert, Kellter und andern. All diese
Kompositionen sind in einem epigonal-nachromantischen, vorwiegend von
Schumann und Brahms beeinflußten Stil gehalten, Ansätze zu stilstischer
Selbständigkeit sind noch nicht zu bemerken.
Neben der musikalischen Betätigung hat
natürlich die Schule ihre Ansprüche geltend gemacht. Nach drei Jahren
Grundschule besuchte ich neun Jahre lang das humanistische Gymnasium. Ich
war, so viel ich mich erinnere, ein guter A-B-C-Schütze, später nahmen
die schulischen Leistungen allmählich immer mehr ab, vor allem in den
Fächern Geschichte sowie Physik und Chemie. (Dabei war gerade der
Chemie-Unterricht manchmal recht kurzweilig – angesichts der oft
mißlungenen Experimente und der vielen zerbrochenen Reagenzgläser.)
Unser Ordinarius und Lateinlehrer war über lange Jahre bis zum Abitur der
Altphilologe Dr. Karl Hahn, ein älterer Stiefbruder von Otto Hahn. Er
hatte Witz und Sinn für Humor, war aber recht cholerisch und von manchen
gefürchtet. Er behauptete, völlig unmusikalisch zu sein. Das war sicher
übertrieben; denn immerhin hatte er ein Abonnement für die
Sonntagvormittag-Konzerte der Frankfurter Museumsgesellschaft, was ja von
musikalischem Interesse zeugt; er verhalf mir auch gelegentlich, wenn er
mal verhindert war, zu einem Gratis-Konzertbesuch.
Mit dem Musikunterricht an öffentlichen Schulen war es damals, zum
mindesten an dem Gymnasium, das ich besuchte, noch ziemlich schlecht
bestellt. Vor dem Inkrafttreten der Kestenbergschen Reformen bestand er
nur darin, daß jeder, der nicht nur Krächzlaute hervorbringen konnte,
soweit er nicht im Orchester mitspielte, im Chor mitsang: meist
Volkslieder in primitivem Satz, bei Verabschiedung eines alten Lehrers „Nun
zu guter Letzt…“ von Mendelssohn, und vor Weihnachten das
Variationenthema aus Beethovens „Appassionata“ auf den Text „Heilge
Nacht, o gieße du Himmelsfrieden in dies Herz.“ Von dem allgemeinen
Musikunterricht, der erst im Lauf der zwanziger Jahre eingeführt wurde,
waren die Chor- und Orchestermitglieder dispensiert, und ich hatte das
Glück, bald im „Orchester“ mitwirken zu dürfen. Im Orchester
unserer Schule gab es allerdings weder Bratschen noch Kontrabässe,
geschweige denn irgendwelche Blasinstrumente. Dafür wirkte aber meist ein
Tasteninstrument mit, welches ich häufig betreute. Zum Beispiel spielten
wir Mozarts „Kleine Nachtmusik“, besetzt mit Geigen, Celli und
Klavier vierhändig, auch Schumanns „Abendlied“ aus den vier
händigen Klavierstücken op. 85, von Des-dur nach D-dur transponiert,
bearbeitet für Streichorchester (ohne Bratschen und Bässe) und
Harmonium. (Damit sei nichts gesagt gegen den Musiklehrer und Leiter von
Chor und Orchester, Herrn Walter Heuser, der das Bestmögliche daraus
machte, im übrigen ein durchaus musikalischer Mann war, eine schöne
Baritonstimme hatte und in Schulkonzerten auch manchmal als Gesangssolist
mitwirkte.) Im selben Gymnasium, aber zwei Jahre jünger als ich, war auch
der spätere Pianist und Komponist Wolfgang Rebner, Sohn des Geigers Adolf
Rebner. Im Gegensatz zu mir, bei dem das größere Interesse auf dem
Gebiet der Komposition lag, erregte er schon früh durch sein großes
pianistisches Talent Aufsehen und trat auch wiederholt in Konzerten der
Schule auf.
Nachdem ich die neun Gymnasialjahre, oft
vor Ostern um die Versetzung in die nächsthöhere Klasse zitternd,
abgesessen hatte, bestand ich im Frühjahr 1927 das Abitur, wenn auch
keineswegs glanzvoll. Aber der Direktor, Professor Ewald Bruhn, und das
Lehrerkollegium waren mir offenbar wohlgesonnen, und so bezog man –
meines Wissens erstmalig an diesem Gymnasium – die Musik in mein Examen
ein. Diese Prüfung war verhältnismäßig einfach: ich sollte ein Stück
eigener Wahl auf dem Klavier spielen und das mit einer Form-Analyse
verbinden. Ich wählte die Rhapsodie in g-moll von Brahms und tat wie
geheißen. Glücklicherweise war der größere Teil des Lehrerkollegiums
musikalisch unerfahren, und es gehörte nicht sehr viel dazu, Eindruck zu
machen. Ein älterer Studienrat gestand mir nachher, er habe jetzt zum
erstenmal in seinem Leben etwas von Musik verstanden.
Nach dem Abiturienten-Examen machte meine berufliche Zukunft den Eltern
einige Sorge. Der einzige Beruf, für den ich glaubte, nicht völlig
talentlos zu sein, war der des Musikers.
Ich rechne es meinen Eltern und meiner finanziell nachhelfenden
Schwester Else – sie war Angestellte im Verlag Moritz Diesterweg –
hoch an, daß sie trotz aller Bedenken meinen Wunsch erfüllten und mir
ein Musikstudium (das heißt das Erlernen eines „brotlosen Berufs“)
ermöglichten. In der Einsicht, daß es für meine Entwicklung besonders
wichtig sei, einmal von zuhause fortzukommen, entschieden wir uns für
Leipzig, und so bestand ich im Frühjahr 1927 am altehrwürdigen, von
Mendelssohn gegründeten Landeskonservatorium die Aufnahmeprüfung für
das Fach Klavier.
Das Leipziger Konservatorium stand damals unter der Leitung des
Pianisten Max Pauer, der zu dieser Zeit noch viel konzertierte und daher
nicht immer in Leipzig anwesend war. Sein Stellvertreter war der Geiger,
Pädagoge und Dirigent Walther Davisson, der auch das Orchester leitete
und 1932 die Gesamtleitung des Konservatoriums übernahm.
Ich wurde in die Klasse des berühmten, damals schon 64jährigen
Klavier pädagogen Robert Teichmüller aufgenommen, der, obwohl mir sehr
freundlich gesonnen, sicher keine allzugroße Freude an mir hatte. Denn er
erkannte wohl bald, daß er, wenn ich auch viel bei ihm gelernt habe,
keinen Pianisten aus mir machen konnte und daß mein Interesse mehr der
Komposition galt. Mein Lehrer für dieses Fach, das heißt zunächst für
die traditionelle Harmonie- und Kontrapunktlehre, war Günter Raphael, der
im Jahre 1926 als Dreiundzwanzigjähriger an das Konservatorium berufen
worden war.
Hier wirkten damals als Kompositionslehrer
außer ihm unter anderem Sigfrid Karg-Elert und Hermann Grabner, ferner
Fritz Reuter (weder mit dem „Stromtid“-Dichter noch mit den
diversen anderen komponierenden Reuters oder Reutters zu verwechseln) und
der junge Kurt Thomas. Kompositionsschüler von Grabner waren zu meiner
Zeit unter anderem Wolfgang Fortner, Hugo Distler, Karl Thieme und Miklós
Rózsa. Bei Karg-Elert studierte der auch kompositorisch hervorgetretene
Organist Helmut Walcha (den ich aber damals noch nicht persönlich
kennenlernte) sowie Sigfrid Walther Müller, der 1929 Dozent am
Konservatorium wurde. Ich genoß dann (um dies vorwegzunehmen) seinen sehr
anregenden Unterricht im Partiturspiel und Dirigieren. Zum letztenmal
sprach ich ihn 1940, als ich einer Aufführung meiner „Kleinen
Suite“ (unter Hermann Abendroth) im Gewandhaus beiwohnte. 1946 ist er
in einem russischen Gefangenenlager gestorben: eine große kompositorische
Begabung, die es nicht verdient hat, vergessen zu werden.
Hugo Distler lernte ich damals persönlich nicht näher kennen und bin
ihm auch leider in späteren Jahren nur einmal flüchtig begegnet. –
Auch Wolfgang Fortner wurde mir erst in den dreißiger Jahren persönlich
bekannt. Er dirigierte 1940 in Heidelberg die Uraufführung der
Orchesterfassung meiner „Wunderhorn-Lieder“ op. 15. – Mit Miklós
Rózsa verbindet mich seit der Studienzeit, aber durch den Krieg
unterbrochen, eine schöne, natürlich vorwiegend briefliche Freundschaft
– er lebt seit 1932 nicht mehr in Deutschland, jetzt schon seit
Jahrzehnten in Hollywood.
Berühmtheiten unter den Lehrkräften außer den schon genannten waren
die Brüder Paul und Julius Klengel, der Flötist Maximilian Schwedler,
der Geiger und spätere Dirigent Charles Münch (damals neben Edgar
Wollgandt Konzertmeister im Gewandhaus-Orchester), der Pianist und
Klavierpädagoge Carl Adolf Martienssen, der Thomaskantor Karl Straube als
Leiter des Kirchenmusikalischen Instituts und die Organisten Günther
Ramin, Karl Hoyer und Friedrich Högner.
Mein Lehrer, der Komponist Günter Raphael, hatte damals, vor allem
natürlich in Leipzig, einen viel größeren Namen als heute. Seine 1.
Symphonie war 1926, also vor meiner Zeit, durch Wilhelm Furwängler im
Gewandhauskonzert mit großem Erfolg uraufgeführt worden. Ich selbst habe
außer einigen Orchesterwerken, Kammermusik- und Orgelwerken im Jahr 1929
die Leipziger Erstaufführung seines Requiems im Gewandhaus unter Karl
Straube miterlebt. Dieses bedeutende Frühwerk hat mir tiefen Eindruck
gemacht. Unvergeßlich auch die Uraufführung zweier Werke für
A-cappella-Chor durch die Thomaner: des zwölfstimmigen Psalms 104 und der
actstimmigen Motette „Vom jüngsten Gericht“ sowie des Orchester-Divertimentos
durch die Berliner Philharmoniker unter Wilhelm Furtwängler im Gewandhaus
zu Beginn des Jahres 1933.
Bei Uraufführungen von Kammermusikwerken
Raphaels erlebte ich es kurioserweise zweimal, daß berühmte „Dirigenten
in spe“ mitwirkten: in der Oboensonate Rudolf Kempe (damals 1. Oboist
im Gewandhaus-Orchester), und im 3. Streichquartett (Uraufführung durch
das damalige Davisson-Quartett) Charles Münch, der den besonders
anspruchsvollen Bratschenpart spielte.
Was die äußeren Lebensumstände betrifft, so war die Studienzeit
nicht ganz leicht für mich. Die relativ seltenen Konzert- und
Opernbesuche, natürlich auf den billigsten Plätzen, sparte ich mir am
Essen ab. Regelmäßig besuchte ich – denn das kostete ja keinen
Eintritt – die „Motette in der Thomaskirche“, die freitags und
samstags stattfand. Da wurde ich durch den Thomanerchor, den Karl Straube,
manchmal auch ein junger Präfekt leitete, mit der alten und der neueren
A-cappella-Chor-Literatur vertraut. (Auch die Bach-Motetten wurden ja
damals ausschließlich a cappella gesungen.) Und mit der Musik des 16. und
17. Jahrhunderts, vor allem von Heinrich Schütz, erschloß sich mir ein
für mich neues Kapitel der Musikgeschichte, das später einmal große
Wirkung auf mich ausüben sollte. Auch erlebte ich eindrucksvolle
Uraufführungen neuerer Chorwerke von Arnold Mendelssohn, Günter Raphael,
Kurt Thomas und Hugo Distler. Daneben hörte ich die wichtigsten
größeren Orgelwerke von Bach, Buxtehude, Sweelinck, und vieles von Reger
und anderen. An der Orgel wirkte der Thomasorganist Günther Ramin,
manchmal auch sein Schüler Helmut Walcha, dessen Improvisationen mir
schon damals ganz großen Eindruck machten, oder Gerhard Bochmann, später
auch Hanns Heintze und Herbert Collum.
Im Sommer 1927 erlebte ich in der Thomaskirche unter der Leitung von
Karl Straube die Uraufführung von Bachs „Kunst der Fuge“ in der
Anordnung und Orchestrierung von Wolfgang Graeser: Es war meine erste
Begegung mit dem Werk, in dessen Aufbau mich allerdings Günter Raphael
vorher eingeführt hatte. Trotz der recht problematischen Bearbeitung
machte es einen überwältigenden eindruck auf mich.
Eine weitere kleine Bach-Uraufführung – ich glaube, 1929 – ist mir
in lebhafter Erinnerung: Die damals neu aufgefundene G-dur-Sonate für
Violine und basso continuo (BWV 1021), gespielt von Adolf Busch und Rudolf
Serkin.
Die Bachsche Musik war überhaupt für mich das größte und
nachhaltigste musikalische Erlebnis meiner Leipziger Jahre. Jetzt erst
wurde mir bewußt, wie wenig diese Musik in Frankfurt zu jener Zeit
gepflegt wurde, abgesehen von den alljährlichen Aufführungen der „Matthäus-Passion“
durch den „Cäcilien-Verein“. (Das änderte sich gründlich,
seitdem Helmut Walcha – und später auch Kurt Thomas – in Frankfurt
wirkten.)
So lernte ich die H-moll-Messe, das Magnificat, die „Jahannes-Passion“,
sogar das „Weihnachtsoratorium“ und vieles andere so richtig erst
in Leipzig kennen, zunächst hörend und lesend, später auch im Chor
mitsingend.
Viel Anregung verdanke ich auch den Gewandhaus-Konzerten, von denen ich mir
allerdings, wenn überhaupt, nur
den besuch der vormittags stattfindenden Vorkonzerte (sozusagen
Generalproben) leiten konnte. Da ich während meiner Schulzeit nur selten
Orchesterkonzerte gehört hatte, bestand bei mir großer Nachholbedarf.
Etwa ein Jahr lang erlebte ich noch Wilhelm Furtwängler als Dirigenten
der Konzerte – unvergeßlich zum Beispiel Beethovens 9. Symphonie unter
seiner Leitung –, dann folgte ein „Interregnum“ mit verschiedenen
Gastdirigenten wie Bruno Walter, Fritz Busch, Otto Klemperer, Hermann
Scherchen und anderen, bis dann im Herbst 1929 Bruno Walter die ständige
Leitung der Konzerte übernahm (von Ausnahmen abgesehen). Die Chorkonzerte
standen nach wie vor meist unter der Leitung von Karl Straube. Von der
Ära Bruno Walter ist mir außer herrlichen Mozart-Aufführungen besonders
eine Wiedergabe von Mahlers „Lied von der Erde“ im Gedächtnis
geblieben, die mir tiefen Eindruck machte; ferner ein Konzert, in dem der
fünfzehnjährige Yehudi Menuhin die Violinkonzerte von Mendelssohn und
Beethoven hinreißend spielte.
Neben den Thomaner-Motetten waren auch diese Konzerte für mich von
entscheidender Bedeutung: Ich lernte einen großen Teil der symphonischen
Literatur, die mir bis dahin vorwiegend nur vom vierhändigen Klavierspiel
her vertraut war, erst richtig kennen; vor allem aber las ich häufig in
der Taschenpartitur mit und erlernte wohl vor allem dadurch das Handwerk
des Instrumentierens, denn Instrumentationsunterricht habe ich nie besucht.
Im Rahmen der vorwiegend traditionellen Programme der
Gewandhaus-Veranstaltungen erlebte ich außer dem schon genannten Requiem
und anderen Werken von Günter Raphael manche Erstaufführungen
zeitgenössischer Musik, die sich meinem Gedächtnis besonders eingeprägt
haben: zum Beispiel Honeggers „König David“ unter Karl Straube und
Kodalys „Psalmus hungaricus“ (unter Leitung des Komponisten),
später unter BrunoWalter die 1. Symphonie des bis dahin in Deutschland
noch unbekannten Dmitrij Schostakowitsch, das Capriccio für Klavier und
Orchester von Strawinsky mit dem Komponisten am Klavier (unter Otto
Klemperer), das Bratschenkonzert op. 36 von Paul Hindemith. Auch dieser
spielte (unter Leitung von Fritz Busch) selbst den Solopart seines
Konzertes: natürlich sehr souverän und virtuos, aber, dem Werkcharakter
entsprechend, „sachlich“ und völlig unpathetisch. Das elegant
gekleidete Publikum des Abendkonzertes – ich besuchte ja nur die
vormittags stattfindenden Vorkonzerte – soll teilweise Anstoß genommen
haben, nicht nur am Werk, sondern fast mehr noch daran, daß der Komponist
im dunkelblauen Anzug auftrat und nicht im Frack.
Interessant waren auch die Konzerte des Symphonie-Orchesters in der „Albert-halle“,
einem ehemaligen Zirkusgebäude, in dessen „Foyer“ es immer noch
nach Raubkatzen roch. Dort dirigierte außer Alfred Szendrey und Heinrich
Laber manchmal auch Hermann Scherchen. Im Gedächtnis geblieben ist mir
unter anderem eine hervorragende, rhythmisch profilierte Aufführung der
Musik zur Pantomime „Der wunderbare Mandarin“ von Bartók. Wenige
Minuten nach Beginn verließ Sigfrid Karg-Elert mit energischen Schritten
ostentativ durch den Mittelgang den Saal, woraufhin zahlreiche Hörerinnen
und Hörer seinem Beispiel folgten. Es sei allerdings zugegeben, daß
diese Musik für die damalige Zeit (Ende der zwanziger Jahre) und erst
recht für das traditionsbewußte Leipzig ein recht harter Brocken war.
In meinen ersten zwei Studienjahren – von
1927 bis zum Frühjahr 1929 – habe ich zwar brav und vorschriftsmäßig
Klavier geübt, daneben aber immer auch komponiert. Ich schrieb ein
Klaviertrio, Lieder nach Gedichten von Liliencron, ein sehr ausgedehntes
Variationswerk für Klavier, eine Klaviersonate und anderes. Obwohl ich
mich in diesen Werken, wenn auch mit mäßigem Gelingen, schon um einen
eigene Aussage bemühte, mußte ich einige Hemmungen überwinden, ehe ich
die Kompositionen Günter Raphael zeigte. Ich legte ihm die beiden
größeren Klavierwerke vor, die ihn trotz ihrer Mängel irgendwie
beeindruckten. Von da an komponierte ich gewissermaßen unter seiner
Aufsicht. Er war ein sehr liebenswerter Mensch von großer Sensibilität
und mit viel Herz und Humor, der trotz seiner großen frühen Erfolge nie
mehr als nötig den Überlegenen herauskehrte. Als Kompositionslehrer war
er, getreu dem Wort „Fortiter in re, suaviter in modo“,
unnachsichtig – manche Sonatensätze mußte ich dreimal schreiben –
und von seinem kritischen Urteil, das durch ein starkes Formgefühl
geprägt war, habe ich ungemein profitiert und (hoffentlich) auch gelernt,
gegenüber den eigenen Erzeugnissen kritisch zu sein.
Ich schrieb damals unter anderem zwei Werke, die in öffentlichen
Vortragsabenden des Konservatoriums, zum Teil auch im Rundfunk zur
Aufführung gelangten: eine Sonate für Violine und Klavier sowie eine
Partita für Violoncello und Klavier. Während meiner Studienzeit entstand
auch eine Anzahl zwei- und dreistimmiger Inventionen für Klavier. Acht
von ihnen sind später im Druck erschienen (als „op. 1“), worüber
ich jetzt gar nicht glücklich bin, denn einige Stücke wären besser
unveröffentlicht geblieben. Ferner schrieb ich in dieser Zeit eine
sechsstimmige und eine achtstimmige Motette.
Mein Abschluß-Examen, das sich „Reifeprüfung“ nannte und in
seinen Ansprüchen wohl mehr einer gehobenen „Privatmusiklehrer-Prüfung“
als der heutigen „Künstlerischen Reifeprüfung“ entsprach, galt
dem Hauptfach „Klavier“, und begreiflicherweise fiel mir als einem
„Komponisten“ die Klausur in Harmonielehre und Kontrapunkt mit
ihren mäßigen Anforderungen ziemlich leicht. So hatte ich Zeit, meine
Modulationsaufgaben, bei denen ich – brav vierstimmig gesetzt –
bekannte Volkslied- und Schlagermelodien verwendete, mit unterlegten
Texten zu versehen, zum Beispiel „Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
daß ich so traurig bin; ich ließ mich zur Prüfung verleiten, und die
hat doch gar keinen Sinn.“ Oder (unter dem Eindruck des Films „Der
blaue Engel“, nach Heinrich Mann mit Marlene Dietrich und Emil
Jannings): „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Pleite eingestellt, um 50 Mark
geprellt – und sonst gar nichts.“
Während ich noch, eine Formenlehre-Aufgabe lösend, im Klausurzimmer
saß, kam Professor Davisson mit todernstem
Gesicht zu mir herein und befahl mir, die Texte (die glücklicherweise nur
mit Bleistift geschrieben waren) sofort auszuradieren, gestand mir dann
aber, er und manche Kollegen hätten sich sehr darüber amüsiert.
Allerdings nicht alle; einige Lehrkräfte sollen vor allem an dem Wort „geprellt“
Anstoß genommen haben und hatten Bedenken, mein Examen anzuerkennen. (Im
übrigen: die Prüfungsgebühr von 50 Mark war damals tatsächlich eine
ganze Menge.) Die Verständnisvollen in der Prüfungskommission setzten
sich aber durch, das Examen wurde anerkannt, und ich durfte mich „Staatlich
geprüfter Klavierlehrer“ nennen, wenn ich auch von dieser Erlaubnis
nie Gebrauch gemacht habe.
Danach lebte ich noch etwa zwei Jahre in Leipzig, gab Klavierunterricht, was aber nicht den Lebensunterhalt
deckte, sang im „Bach-Verein“ (identisch mit dem „Gewandhaus-Chor“) unter Karl Straube
mit, was
abgesehen von dem Erlebnis, bei den großen Chorwerken mitzuwirken, die
Möglichkeit zum unentgeltlichen Besuch der Gewandhaus-Vorkonzerte mit
sich brachte.
Im März 1933 endete im Gewandhaus die Dirigententätigkeit Bruno
Walters unter bedrückenden Umständen. Den Schock, der mich – wie viele
andere Konzertbesucher – überfiel, werde ich nie vergessen. Als ich wie
gewohnt zum Besuch des Vorkonzertes eintraf, strömte mir schon die Menge
der Besucher entgegen: Das Konzert war auf Grund einer Verordnung des
Sächsischen Ministeriums des Innern abgesagt worden. Bruno Walter
schildert die Vorgänge jener Tage ausführlich und bewegend in seinem
Buch „Thema und Variationen“.
Danach erlebte ich noch zwei Gewandhauskonzerte, bei denen ich im Chor
mitsang: Beethovens 9. Symphonie unter Eugen Jochum und Brahms’ „Deutsches
Requiem“ unter Karl Straube.
Mit Günter Raphael verband mich inzwischen – auch schon während der
letzten Studienjahre am Konservatorium – eine herzliche Freundschaft,
und ich unterwarf weiterhin meine Kompositionen seiner helfenden Kritik:
unter anderem verschiedene größere Orgelwerke, eine Sonate für Flöte
und Klavier, ein Capriccio für Klavier solo.
Die erste Konzertaufführung eines Werkes von mir (abgesehen von den
obengenannten Vortragsabenden des Konservatoriums) war die meines
Kammerkonzerts für Cembalo und Streichorchester im Frühjahr 1933 in
Leipzig durch Günther Ramin unter Leitung von Sigfrid Walther Müller. Es
war – dank der vorzüglichen Wiedergabe – ein schöner Erfolg. In
diesem Werk habe ich mich bemüht, alle drei Sätze aus demselben
Kerngedanken zu entwickeln: ein (bekanntlich nicht von mir erfundenes)
Prinzip, das ich später noch gelegentlich angewandt habe, zum Beispiel in
der 1. Symphonie und im 2. Streichquartett. Das Stück ist stellenweise
kontrapunktisch überladen, auch – aus meiner heutigen Sicht – zu
ausgedehnt, kurz: es gefällt mir nicht mehr und steht mir zu fern, als
daß eine Überarbeitung noch sinnvoll wäre.
Im Jahre 1932 regte mich Marlen Raphael,
die Schwester des Komponisten, an, einige Tänze zu Figuren aus dem „Struwwelpeter“
zu schreiben. Sie war Tänzerin (Palucca-Schülerin) mit einer besonderen
Begabung fürs Groteske, und sie wußte um meine Abstammung vom „Struwwelpeter“-Verfasser
Heinrich Hoffmann. So schrieb ich fünf Tanzburlesken für Klavier, die
sie dann auch mehrfach aufführte. Wenige Jahre später durfte sie
allerdings – als „Halbjüdin“ – nicht mehr öffentlich
auftreten.
Eine Orchesterfassung dieser Tänze, die „Struwwelpeter-Suite“,
wurde 1934 durch Hans Rosbaud und das Sinfonieorchester von Radio
Frankfurt uraufgeführt, allerdings nur als Sendung. Rosbaud hat im Jahre
1943 in Straßburg auch eine Ballettaufführung der Tänze (die ich leider
nicht miterlebte) dirigiert.
Diese Tänze sind meine einzige Balletkomposition und, abgesehen von
dem obengenannten Cembalokonzert, das aber nur mit Streichorchester
besetzt ist, mein erstes Orchesterwerk. Es ist trotz seines
Leichtgewichtes für meine weitere kompositorische Entwicklung insofern
nicht bedeutungslos, als es durch die größeren klanglichen
Differenzierungsmöglichkeiten zu einer gewissen Auflokkerung meines Stils
beigetragen hat.
Inzwischen hatten sich die pekuniären Verhältnisse in unserer Familie
immer mehr verschlechtert, mein Vater verfiel in eine tiefe Depression und
nahm sich im Mai 1933 das Leben. Natürlich traf dieses Gechehen meine
Mutter und uns Geschwister sehr hart, und es bedeutete auch für mich eine
große Umstellung: ich mußte mich noch mehr als bisher darum bemühen,
wirtschaftlich auf eigenen Füßen zu stehen.
Dem immer hilfsbereiten Freund Günter Raphael habe ich es zu verdanken, daß Karl Straube ein Schreiben an das Kuratorium von Dr. Hoch’s
Konservatorium in Frankfurt richtete, in dem er mich als Tonsatzlehrer
empfahl, mit dem Erfolg, daß ich im Herbst 1933 an dieses Institut
berufen wurde. Ich trat damit die Nachfolge des aus Altersgründen
ausscheidenden Tonsatzlehrers Karl Kern an. Direktor des Konservatoriums
war mittlerweile der damalige erste Kapellmeister der Frankfurter Oper,
Bertil Wetzelsberger, der in jener schwierigen Zeit viel Rückgrat
bewiesen hat. So durften beispielsweise bis 1936 noch einige „nichtarische“
Studierende das Konservatorium besuchen.
Gleichzeitig mit mir wurden damals berufen
unter anderen der Organist Helmut Walcha, der Komponist Gerhard Frommel,
die Geiger Gustav Lenzewski und Joseph Peischer.
Ich gab Klassenunterricht in Harmonielehre, Kontrapunkt und
Gehörbildung; soviel ich mich erinnere, waren es zunächst nur zehn
Wochenstunden. Mein Brutto-Monatsgehalt betrug 100 Mark. Aber ich konnte
ja im Haushalt meiner Mutter wohnen, und zu dem Konservatoriums-Unterricht
kamen im Lauf der Zeit einige Privatstunden hinzu.
Meiner Mutter war nach dem tragischen Tode meines Vaters mancherlei
Unterstützung zuteilgeworden, und wir zogen in eine Siedlungswohnung um,
die neben einigen Vorzügen den Nachteil großer Hellhörigkeit hatte,
sodaß ich nur in sehr begrenztem Maße musizieren konnte, auch oft durch
Musik in anderen Stockwerken gestört wurde.
Im Jahre 1934 wurde ich tief getroffen durch die allerdings irgendwann
zu erwartende Nachricht, daß über Günter Raphael das Berufsverbot
verhängt wurde. Bis dahin hatte er noch Unterricht am Leipziger
Konservatorium geben dürfen. Er blieb weiterhin in Deutschland, ging in
die „innere Emigration“ und lebte bis zum Kriegsende 1945, von
Krankenhaus-Aufenthalten unterbrochen, in Meiningen, wo seine Frau, die
Pianistin Pauline Raphael, – und er selbst heimlich auch – sich mit
dem Erteilen von Musikunterricht leidlich über Wasser hielten. Ich stand
immer in brieflicher Verbindung mit ihm und habe ihn des öfteren in
Meinigen besucht. Nach dem Krieg lebte er zunächst in Laubach (Oberhessen), später unterrichtete er am Duisburger Konservatorium und an
der Kölner Musikhochschule sowie am Peter-Cornelius-Konservatorium in
Mainz. Immer gesundheitlich labil, ist er im Jahre 1960 in Herford
gestorben. Pauline Raphael, seit unserer gemeinsamen Studienzeit mit mir
befreundet, setzt sich im Rahmen ihrer Möglichkeiten nachdrücklich für
sein kompositorisches Lebenswerk ein.
Nach meiner „Struwwelpeter-Suite“ entstanden einige Werke, die
zum Teil auch öffentlich aufgeführt wurden: Das 1. Streichquartett, das
Klavierquartett, Klavierstücke, auch zwei Orchesterwerke, nämlich die 1.
Symphonie und die „Kleine Suite“ (op. 14). In diese Zeit fiel auch
die Komposition eines Werkes für Chor, Soli und Orchester: die
Choralkantate „Gelobet seist du, Jesu Christ“. Sie steht mehr als
andere Werke aus jener Zeit unter dem Einfluß der traditionellen „Leipziger
Schule“. Ich bin heute nicht mehr sonderlich an dieser Komposition
interessiert, erwähne sie nur, weil sie, von Versuchen aus der
Studienzeit abgesehen, mein erstes geistliches Chorwerk ist.
Mein erstes Opus, das öffentlich in
Frankfurt gespielt wurde, war das 1. Streichquartett. Dank der
ausgezeichneten und engagierten Wiedergabe durch das Lenzewski-Quartett
(1934) war diese Uraufführung ein schöner Erfolg. Gustav Lenzewski hat
sich seitdem, solange er konzertierte, immer in freundschaftlicher Weise
besonders für meine Musik eingesetzt, sowohl mit seinem Quartett (das im
Lauf der Jahrzehnte die Partner öfter wechselte) als auch solistisch.
Wichtige Hör-Erlebnisse waren für mich auch die Uraufführungen der
ersten Orchesterwerke: Zunächst die „Struwwelpeter-Suite“, einige
Jahre später die 1. Symphonie, beide durch das Radio-Sinfonieorchester
Frankfurt unter Hans Rosbaud, der mit genauer Partiturkenntnis und
äußerster Akribie studierte und sich für jede Einzelheit das
Einverständnis des Komponisten einholte, was aber in keiner Weise die
Spontaneität seines Muisizierens beeinträchtigte. Allerdings handelte es
sich bei den beiden Werken um Rundfunksendungen, nicht umöffentliche
Aufführungen. Das war aber mir ziemlich gleichgültig, da es mir nur
darauf ankam, die Werke einmal in einer authentischen Wiedergabe zu hören.
Inzwischen hatte im Jahre 1936 ein Wechsel in der Leitung von Dr. Hoch’s
Konservatorium stattgefunden: Der bisherige Direktor Bertil Wetzelsberger
war durch den Komponisten Hermann Reutter abgelöst worden. Angesichts des
Rufes, den dieser als bedeutender Komponist und hervorragender
Liedbegleiter hatte, war dies sicher eine gute Lösung. Für mich selbst
brachte sie allerdings – trotz meines menschlich immer freundlichen
Verhältnisses zu Reutter – vor allem in der ersten Zeit Nachteile mit
sich. Denn im Zuge einiger Neuberufungen kamen außer Reutter selbst zwei
neue Lehrkräfte für das Fach Tonsatz ans Konservatorium: der
pädagogisch erfahrene und nicht mehr ganz junge Hugo Holle und der damals
schon sehr arrivierte Komponist Karl Höller. Die Folge war, daß mir als
Jüngstem der bei den Dozenten weniger beliebte
Elementar-Theorieunterricht an Sänger und Orchesterschüler sowie an
Studierende der Vorschule zugeteilt wurde. Vom musiktheoretischen
Unterricht an Ballettmädchen wurde ich glücklicherweise nach Ablauf
eines Semesters erlöst.
Trotzdem hatte ich an einzelnen Schülern große Freude und möchte –
im Rückblick auf jene Zeit – die damaligen Erfahrungen nicht missen.
Denn ich mußte später immer wieder feststellen, daß man auch bei
fortgeschrittenen Instrumentalisten in bezug auf musiktheoretische
Elementarkenntnisse oft noch „Höhlenforschung“ betreiben muß –
von Sängern gar nicht zu reden. Und die Erfahrungen von damals sind mir
in späteren Jahren noch oft zustatten gekommen.
Im übrigen hat mir – auch in jenen politisch belastete Jahren –
der freundschaftliche Umgang sowohl mit Studierenden als auch mit
Konservatoriums-Kollegen mancherlei Anregung und Auftrieb gegeben. Regen
Meinungsaustausch pflegte ich zum Beispiel mit meinem Kompositionskollegen
Gerhard Frommel, der 1935 einen „Arbeitskreis für neue Musik“ ins
Leben rief, mit Gustav Lenzewski sowie mit Helmut Walcha, dessen
Orgelkonzerte ich regelmäßig besuchte und mit dem mich – vor allem
seit dem Ende des Krieges – eine enge Freundschaft verbindet.
Abgesehen von ganz wenigen Kollegen, vor
denen man sich mit politischen Meinungsäußerungen in acht nehmen mußte,
herrschte am Konservatorium eine gute Atmosphäre.
Im selben Jahr wie die 1. Symphonie (1937) wurde auch meine „Kleine
Suite“ op. 14 (ein vorwiegend heiteres Opus mit kleinerer
Orchesterbesetzung) uraufgeführt, diesmal in einem öffentlichen
Abonnements-Orchesterkonzert der Frankfurter „Museums-Gesellschaft“
durch das Städtische Orchester unter Franz Konwitschny. Das Werk erlebte
eine ausgezeichnete Aufführung und fand viel Zustimmung: soweit ich mich
entsinnen kann, auch seitens der Presse.
Vermutlich auf eine Zeitungsbesprechung hin wandte sich der Verlg F. E.
C. Leuckart (damals in Leipzig) an mich mit der Bitte um Zusendung der
Partitur. So kam es zum erstenmal zur Drucklegung einer meiner
Kompositionen.
Es waren wohl sehr persönliche, „herzbewegende“ Gründe, die
mich in dieser Zeit wieder einmal zur Liedkomposition drängten. So
entstanden die insgesamt 13 „Wunderhorn-Lieder“ für Sopran und
Klavier (ursprünglich waren es etwas mehr), von dene ich zwölf bald
danach auch für kleines Orchester bearbeitete.
Eine besondere „Geschichte“ hat mein danach entstandenes zweites
Streichquartett: Die Uraufführung durch das Lenzewski-Quartett stand auf
dem Programm eines Konzertes der „Reichsmusikkammer“ in Berlin,
wurde aber vorher, da ich noch sehr unbekannt war, in meiner Abwesenheit
einem Gremium der genannten Institution zur Überprüfung vorgespielt und
erregte Mißfallen.
So wurde das Stück, in dem trotz Festhalten an der Tonalität wohl ein
gewisser Einfluß von Hindemith, vielleicht auch von Bartók zu erkennen
ist, vom Programm abgesetzt. Diese Entscheidung wurde damals in einer
Musikzeitschrift kritisiert, wodurch möglicherweise mehr Aufmerksamkeit
auf mich gelenkt wurde, als es durch eine öffentliche Aufführung
geschehen wäre. Das Quartett wurde bald darauf in Frankfurt durch das
Lenzewski-Quartett vorzüglich und mit Erfolg uraufgeführt, und nicht
sehr viel später in einem eigenen Konzert dieses Ensembles auch in
Berlin.
Einiges Aufsehen erregte das 1938 entstandene „Concerto grosso“
für Orchester, das ich jetzt lieber „Konzert Nr. 1 für Orchester“
nennen möchte, denn es ist kein Concerto grosso im strengen Sinn des
Wortes. Es wurde 1939 auf dem Internationalen Musikfest in Baden-Baden
durch das dortige Städtische Orchester unter der Leitung von Gotthold E.
Lessing zu einer sehr eindrucksvollen Uraufführung gebracht. Der
Rührigkeit des Leuckart-Verlag, der auch dieses Stück übernahm, ist es
wohl zu verdanken, daß Wilhelm Furtwängler es kennenlernte und in
Hamburg, Berlin und Dresden mit dem Berliner Philharmonischen Orchester
aufführte. Ich erlebte in Hamburg auch die Generalprobe mit, bei der sich
Furtwängler genau danach erkundigte, ob ich mir irgendetwas anderes
vorstellte und besondere Interpretationswünsche hätte. Er war überaus
freundlich und ohne jegliche „Star-Allüren“, ein Eindruck, der
sich auch bei späteren Begegnungen immer wieder bestätigt hat. Die
Aufführungen waren großartig und ließen keine Wünsche offen.
Vermutlich haben unter anderem die
Furtwängler-Aufführungen dazu beigetragen, das dieses Orchesterkonzert
mein im Inland und Ausland meist-aufgeführtes symphonisches Werk wurde.
Oswald Kabasta hat es mehrfach dirigiert, ebenso Karl Elmendorff, Hans
Rosbaud, Hans Weisbach, Franz Konwitschny, in den fünfziger Jahren auch
Georg Solti.
Inzwischen war im Jahre 1938 aus „Dr. Hoch’s Konservatorium“
eine „Staatliche Hochschule für Musik und Theater“ geworden. Im
selben Jahr erhielt ich von den Städtischen Bühnen in Frankfurt den
Auftrag, eine Schauspielmusik zu Shakespeares „Sturm“ zu schreiben.
Diese für mich neuartige Aufgabe habe ich gern übernommen, und so
entstand, terminbedingt relativ schnell, diese Musik für eine kleine
Besetzung, denn im damaligen „Neuen Theater“, in dem die
Aufführungen stattfanden, war nicht genug Platz (vielleicht auch nicht
genug Geld) für ein richtiges Orchester.
Richard Salzmann, der Regie führte, war nicht sehr entzückt von
meiner Arbeit, er fand die Musik zu „thematisch“ und ablenkend vom
Wort. Er empfahl mir als Vorbild die Begleitmusik zu einem Kulturfilm, den
ich mir daraufhin auch gehorsam ansah. Ich konnte mich aber nicht
entschließen, die Musik im Sinne dieses Stilvorbilds zu ändern, und das
Schauspiel wurde weiterhin von meiner Musik begleitet, die Dr. Karl Holl (damals „Frankfurter Zeitung“)
veranlaßte, mich zur Komposition
einer heiteren Oper zu ermuntern – im Falle, daß ich ein geeignetes
Libretto fände. Trotzdem habe ich Verständnis dafür, daß eine rein
klangliche Hintergrundmusik nicht nur dem Spielleiter, sondern vielleicht
auch manchem Schauspieler lieber gewesen wäre. Die wesentlichsten Stücke
aus dieser Bühnenmusik habe ich bald danach zu einer Orchestersuite
zusammengefaßt, die 1942 durch die Berliner Philharmoniker unter Otto
Winkler in Berlin uraufgeführt wurde.
Im Dezember 1939 heiratete ich Gisela Volhard, die im Sommer desselben
Jahres die Privatmusiklehrer-Prüfung für das Fach Klavier abgelegt hatte, auch einige Zeit meine Tonsatzschülerin gewesen war. Sie war das
zehnte und jüngste Kind des Internisten Franz Volhard. Dieser bedeutende
Arzt, eine starke und sehr originelle Persönlichkeit, hätte sich sicher
lieber einen „Doktor“ als Schwiegersohn gewünscht, zumal ich
damals noch ein sehr geringes Gehalt bezog. Er war aber als dilettierender
Geiger ein großer Freund der Musik, wenn auch nicht speziell der meinigen.
(Ein Zitat von ihm: „Hätte er doch wenigstens den ‚Rosenkavalier‘
geschrieben!“ Das hätte ich mir freilich auch gewünscht, vor allem
was die Tantiemen betrifft.) Trotzdem wurde ich aufs Freundlichste von ihm
und allen Volhards in den Familienkreis aufgenommen.
Es war wohl der Erfolg des „Concerto
grosso“, der dazu führte, daß ich im Jahre 1939 von der „Gesellschaft
der Musikfreunde“ in Baden-Baden den Auftrag für ein Orchesterwerk
erhielt. Ich hatte damals mein Klavierkonzert (op. 21), dessen Konzeption
mich ziemlich lange beschäftigt hatte, in Arbeit, und so konnte ich
dieses einreichen. Es wurde im Jahre 1940 durch den Pianisten Georg
Kuhlmann, der auch vorher schon einige Werke von mir in seinem Repertoire
hatte, unter der Leitung von Gotthold E. Lessing in Baden-Baden
uraufgeführt. In den füunfziger Jahren nahmen die Pianisten Friedrich
Wührer und Karl Weiß ebenfalls mehrfach in Konzerten und Sendern spielte.
Das Partitur-Manuskript dieses Stückes war bei einem bombenangriff auf
Leipzig, durch den der Leuckart-Verlag getroffen wurde, verlorengegangen,
und ein anderes Exemplar gab es nicht. Mein Freund (und früherer
Schüler) Hellmut Collatz hat in den fünfziger Jahren die Mühe auf sich
genommen, nach einer noch existierenden, schwerleserlichen
Bleistift-Niederschrift eine neue Partitur herzustellen, und ich habe die
Gelegenheit benutzt, das Stück noch einmal zu revidieren, allerdings
enthält diese „Neufassung“ nur geringfügige Änderungen.
Natürlich komponiere ich heute etwas anderes als vor fast 50 Jahren.
Trotzdem habe ich noch ein durchaus positives Verhältnis zu dem Konzert
und freue mich über seine „Rettung“.
In den Aufführungen des „Concerto grosso“ (op. 18) durch
Wilhelm Furtwängler ist wohl auch ein Grund zu suchen dafür, daß ich im
Jahre 1940, gleichzeitig mit den Komponisten Max Trapp und Karl Höller,
mit dem „Nationalen Musikpreis“ für Komposition ausgezeichnet
wurde.
Es war wohl ungefähr um diese Zeit, daß Hugo Holle, bis dahin
stellvertretender Direktor der Frankfurter Musikhochschule, die Leitung
der Stuttgarter Hochschule übernahm. Sein Nachfolger in Frankfurt wurde
1941 der Komponist Ernst Lothar von Knorr, der sich während des Krieges
in seiner Eigenschaft als Musikreferent im Oberkommando des Heeres in
besonderer Weise für zahlreiche Musiker meiner Generation eingesetzt hat.
In dieser Zeit schrieb ich – außer
Kammermusikwerken und kleinen Klavierstücken – zwei Chor-Kantaten mit
Orchester: meine ersten Werke dieser Gattung, wenn man absieht von der
nicht publizierten Choralkantate op. 9. Es sind die umfangreiche weltliche
Kantate „Fiedellieder“ nach einem Gedichtzyklus von Theodor Storm
sowie einige Jahre später die „Weihnachtskantate“ nach Matthias
Claudus; außerdem – zum erstenmal seit meinen Studienjahren – auch
Kompositionen für A-cappella-Chor: „5 heitere Chöre“ op. 28 und
„4 Chorlieder“ op. 31.
Im Oktober 1943 wurde die Frankfurter Musikhochschule durch einen
Bombenangriff völlig zerstört, der Unterrichtsbetrieb ging danach noch
eine Zeitlang weiter, zunächst im Passavant-Gontardschen Palais (in der
Bockenheimer Landstraße), nach dessen Zerstörung in Privatwohnungen.
Aber auch dies war nicht mehr lange möglich, da im Frühjahr 1944 der
größte Teil der Stadt, so auch unsere Wohnung, den Bomben zum Opfer
fiel.
Meine Familie war der Kinder wegen schon vorher – zusammen mit
anderen Verwandten – nach Masserberg in Thüringen gezogen, wo mein
Schwiegerwater ein Ferienhaus besaß. Auch ich habe hier – nach
abermaliger Ausbombung in einer Notunterkunft – die letzten Kriegsmonate
verbracht.
In das Jahr 1943 fällt die wesentliche Arbeit an meiner 2. Symphonie.
Es mag sein, daß das große Interesse, das Wilhelm Furtwängler für
meine Arbeit zeigte, mich dabei beflügelte und, ohne daß es mir bewußt
war, dazu beigetragen hat, daß es ein groß angelegtes symphonisches Werk
wurde, das – im Gegensatz zu meinen späteren Orchesterkompositionen –
noch irgendwie in der Bruckner-Brahms-Nachfolge steht. Trotzdem
identifiziere ich mich heute noch mit dem Stück, auch wenn ich es nicht
mehr so schreiben könnte. Die Uraufführung der Symphonie durch die
Berliner Philharmoniker unter Furtwängler fand im Dezember 1944 in Berlin
statt, und zwar, da die Philharmonie zerstört war, im „Admiralspalast“.
Furtwängler hatte sich, wie sich das wohl bei ihm von selbst verstand,
das Werk völlig zu eigen gemacht, und die Wiedergabe durch dieses
herrliche Orchester entsprach in jeder Hinsicht meinen Vorstellungen, ich
hätte mir eine schönere und engagiertere Aufführung nicht wünschen
können.
Da nach Kriegsende 1945 der Unterricht an der Musikhochschule noch
nicht wieder beginnen konnte, gab ich zunächst einigen Privatunterricht
– wir waren in diesen ersten Nachkriegsjahren in der Wohnung von
Verwandten untergebracht. Damals entstand eines meiner umfangreichsten
Werke: das „Psalmen-Tritychon“. Den Text stellte ich
folgendermaßen zusammen: Der 1. Teil besteht aus den fünf Strophen des
Luther-Liedes „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“ (im Verwendung der
phrygischen Choralmelodie), unterbrochen von Psalmund Jesaja-Texten. Der
2. Teil, der allerdings erst einige Jahre später entstand, enthält den
achten Psalm und die Schlußstrophe des Liedes „In dich hab ich gehofft,
Herr“. Der 3. Teil ist eine Vertonung des „Psalms“ von
Klopstock, einer „Vaterunser“-Paraphrase.
Diese Werk wurde 1952 in Mönchengladbach
durch Heinz Anraths, der auch schon die „Fiedellieder“ 1942 aus der
Taufe gehoben hatte, zu einer sehr eindrucksvollen Uraufführung gebracht.
Die ausführenden Chöre waren „Cäcilia“ (Mönchengladbach) und
der „Düsseldorfer Lehrergesangverein“. Es wurde noch einmal in
Essen, sonst meines Wissens nicht mehr aufgeführt, vermutlich wegen
seiner traditionellen Stilrichtung und der aufwendigen Besetzung: zwei
vierstimmige Chöre, zwei Gesangssolisten, großes Orchester und Orgel.
Inzwischen hatte die Musik hochschule 1947 in sehr behelfsmäßigen
Räumen, zum Teil auch in Privatwohnungen, ihren Unterrichtsbetrieb wieder
aufgenommen: zuerst durch die Initiative von Helmut Walcha die Abteilung
Kirchenmusik, ein halbes Jahr später die Schulmusik-Abteilung, 1949 auch
das Privatmusiklehrer-Seminar. Erst nachdem im Jahre 1950 Walther Davisson
als künstlerischer Leiter verpflichtet worden war, konnten die
Ausbildungsklassen und die Orchesterschule eröffnet werden. Der „Ära
Davisson“ folgte 1954 die Zeit des Dreierdirektoriums Helmut Walcha,
Gustav Lenzewski und Erich Flinsch, bis nach einigen mehr oder weniger
tragikomischen Zwischenfällen 1958 der Komponist Philipp Mohler als
Direktor der Hochschule verpflichtet wurde, der sich, wie auch schon
vorher Walther Davisson, große Verdienste um den Ausbau der Hochschule
erworben hat.
Ich gab vorwiegend an den Abteilungen Kirchenmusik und Schulmusik
Tonsatzunterricht, gelegentlich auch darüber hinausführenden Unterricht
in freier Komposition. Komponisten im engeren Sinn des Wortes sind nicht
allzuviele aus meinem Unterricht hervorgegange. Von denen, die durch
kompositorische Veröffentlichungen hervorgetreten sind, nenne ich
Reinhold Finkbeiner, Wolfgang Wiemer, Gottfried Neubert, Frank Michael,
Jürgen Blume, Armin Schoof. Fast alle Genannten haben kompositorische
Wege eingeschlagen, die von dem meinigen stark abweichen, was ich nur
begrüßen kann.
Seit der Entstehung des „Psalmen-Triptychons“ spielt die
geistliche Chormusik, die, abgesehen von Motetten aus der Studienzeit,
früher nur durch die obengenannte Choralkantate (op. 9) und die „Weihnachtskantate“
(op. 27) vertreten war, in meinem Schaffen eine große, quantitativ
annähernd der Instrumentalmusik entsprechende Rolle. So entstanden
zahlreiche A-cappella-Motetten größeren und kleineren Umfangs von der
Dreistimmigkeit bis zur Achtstimmigkeit, von der ziemlich vielgesungenen
sechsstimmigen Motette „O Herr, mache mich zum Werkzeug deines
Friedens“ (1946) bis zur (ebenfalls sechsstimmigen) Choralmotette „Christus,
der uns selig macht“ (1983), daneben einige Zyklen geistlicher
Chorlieder.
Aber auch in dieser ganzen Zeit schrieb ich
viel Instrumentalmusik, darunter auch einige Auftragswerke: So zum
Beispiel die 3. Symphonie für den Hessischen Rundfunk (1954) und das 2.
Konzert für Orchester im Auftrag der Frankfurter Museums-Gesellschaft
(1957).
Von den Chorwerken mit Orchester oder mit Instrumenten nenne ich die
Kantaten „Es lebet all’s durch Liebe“ (nach Sprüchen aus dem „Cherubinischen
Wandersmann“ des Angelus Silesius) sowie „Vom Wesen und
Vergehen“ (nach Gedichten von Matthias Claudius). Für die
letztgenannte wurde mir 1951 der Robert-Schumann-Preis der Stadt
Düsseldorf zuerkannt, der damals zu gleichen Teilen an Hans Werner Henze
und mich verliehen wurde.
Für den Landeskirchengesangstag 1953 in Alsfeld und für die „Hessische
Kantorei“ schrieb ich die nur von Blechbläsern und Orgel begleitete
„Kantate vom dankbaren Samariter“ (auf Anregung des sich sehr für
meine Musik verwendenden Kantors Philipp Reich). An die mich sehr
bewegende Uraufführung dieser Kantate in Alsfeld unter Mitwirkung aller
hessischen Kirchenchöre (bei den Chorälen) im Jahre 1953 denke ich immer
besonders gern zurück.
Viele Jahre später schlug mir Helmuth Rilling vor, eine Passionsmusik
zu schreiben – schon die zweichörige Motette „Mitten wir im Leben
sind …“ verdankt ihre Entstehung seiner Anregung. So schrieb ich
die „Passionsmusik nach dem Evangelisten Lukas“ für kleinen Chor (Christusworte), großen
Chor, Solostimmen und Orchester. Sie wurde 1978
in der Frankfurter Dreikönigskirche durch die „Frankfurter
Kantorei“ unter Rillings Leitung außerordentlich eindrucksvoll
uraufgeführt. In diesem Werk spielt das Passionslied „O wir armen
Sünder“ – auch mit seinem ursprünglichen Text „O du armer
Judas“ – in Chorsätzen, Solonummern und instrumentalen
Zwischenspielen eine wichtige Rolle. Außer diesem Lied verwendete ich in
der Passionsmusik ein Gedicht von Maria Luise Thurmair-Mumelter („Dank
sei dir, Herr, durch alle Zeiten“) und im Schlußchor einen Text aus
der „Pommerschen Kirchenordnung 1563“, den ich schon einmal vor
Jahren in dem A-cappella-Stück „Die sieben Worte Christi am Kreuz“
vertont hatte, hier allerdings nur in ganz knapper Form.
Auch die wenige Jahre nach der „Lukas-Passion“ entstandene „Messe“
erlebte 1984 durch die „Frankfurter Kantorei“, diesmal aber im
Sendesaal des Hessischen Rundfunks unter der Leitung von Wolfgang Schäfer, ihre großartige
Uraufführung. In dem Werk klingen –
vorwiegend im Orchestersatz – mehrer Chorlmelodien an.
Sozusagen eine Vorstufe zu der Messe, auch im Hinblick auf
Choralzitate, ist das etwa zehn Jahre ältere „Deutsche
Ordinarium“, das ich auf Bitte des Limburger Domkapellmeiters Hans
Bernhard schrieb (Uraufführung 1974 in Limburg an der Lahn durch den
Limburger Domchor): ein relativ kurzes Stück nur mit Orgelbegleitung und
mit Einbeziehung eines Vorsängers und der Gemeinde.
Nicht vergessen sei auch der ausgezeichnete
„Figuralchor des Hessischen Rundfunks“ und sein Leiter Alois Ickstadt, auf dessen Anregung hin ich 1982 die von ihm uraufgeführte
Motette „Tröstet mein Volk“ schrieb. Ihm und seinem Chor verdankte
ich schon vor Jahren vorbildliche Aufführungen meiner „Weihnachtskantate“
(op. 27) und von A-cappella-Chören.
Mein (jedenfalls vorläufig) letztes Chorwerk ist eine Vertonung von
Psalm 103 für Chor, Solostimmen und Orchester. Es entstand auf Anregung
des Siegener Kantors Ulrich Stötzel, der – nach einer sehr schönen,
werkgerechten Wiedergabe meiner „Lukas-Passion“ im Jahre 1985 –
etwa anderthalb Jahre später dieses neue Werk mit seinem „Bach-Chor“
in Siegen zur Uraufführung brachte.
Auch einige weltliche Kantaten entstanden in der Zeit zwischen 1949 und
1959: Zunächst die „Struwwelpeter-Kantate“ für Kinderchor und
kleines Orchester. Sie ist meinen (damals) vier Kindern Monika, Rainer,
Gabriele und Matthias gewidmet – die Jüngste (Cornelia) konnte, da erst
fünf Jahre später geboren, noch nicht berücksichtigt werden.
Da gerade von den Kindern die Rede ist: die beiden Ältesten sind schon
während des letzten Krieges geboren, die anderen drei sind
Nachkriegskinder. Musikalisch veranlagt sind alle fünf, die beiden
Jüngsten haben, teils im Kindesalter, teils in reiferen Jahren auch sehr
hübsche, zweckbestimmte Stücke komponiert, aber keins von den Kindern
hat die Musik zum Hauptberuf erwählt. Auch bei den Enkeln zeichnet sich
bis jetzt keine musikalische Wunderkind-Karriere ab.
1956/57 schrieb ich die „Drei Chorballaden“ (nach Gedichten von
August Kopisch, Ernst Moritz Arndt und Friedrich Rückert) für eine
ähnliche Besetzung wie die „Struwwelpeter-Kantate“, aber etwas
schwieriger, schließlich ungefähr zwei Jahre später die heitere Kantate
„Weinlein, nun gang ein!“ für Männerchor, Tenorsolo und Orchester.
Daneben habe ich, wenn dazu aufgefordert, gelegentlich auch einige „Gebrauchsmusik“
für Chor geschrieben: Volkslied- und Choralsätze sowie kleine Motetten,
bei denen ich mich um möglichst leichte Ausführbarkeit bemühte.
Das Lied für Sologesang und Klavier ist in meinem Werkkatalog
zahlenmäßig nicht sehr stark vertreten, und von zwei Zyklen – den „Wunderhorn-Liedern“
(op. 15) und den „Liedern eines Lumpen“ (op. 51) – gibt es auch
eine Orchesterfassung. Bei einigen anderen Zyklen habe ich – sei es aus
eigenem Antrieb oder auf Wunsch der „Besteller“ – von vornherein
eine kammermuskalische Besetzung gewählt, so bei den Storm-Liedern op.
32, den Goes-Liedern op. 64 und den Christian-Morgenstern-„Kinderliedern“
op. 95.
Die von mir vertonten Liedtexte – dasselbe gilt auch für die
Chorlieder – sind meist Gedichte mit verhältnismäßig schlichter
Diktion und mit strophischer Gliederung. Dichtungen mit sehr
musikgesättigter Sprache oder mit gedankenschwerem Inhalt, auch Gedichte
in antiken Versmaßen lese ich lieber, als daß ich sie vertone.
Aus heutiger Sicht halte ich die Sololieder
nach Gedichten von Albrecht Goes (op. 64), von Hermann Hesse (op. 80) und
von Christian Morgenstern (op. 95) für die gelungensten, aber vielleicht
nur deshalb, weil sie mir zeitlich und stilistisch jetzt näherstehen als
die früher entstandenen Zyklen.
Eine weitere Musikgattung, zu der ich seit 1947 einiges beigesteuert
habe, ist die Orgelmusik. Vorher hatte ich, abgesehen von unausgereiften
Jugendwerken, nur einige Choralvorspiele für Sammelbände geschrieben.
1946/48 entstanden zwei Choralpartiten, 1951 auf Anregung von Helmut
Walcha, der vier meiner größeren Orgelwerke zur Uraufführung
brachte,eine Triosonate und zwei andere, nicht cantus-firmus-gebundene
Orgelwerke. Bei dem gemeinsamen Erarbeiten dieser Kompositionen hatte ich
in besonderem Maße Gelegenheit, außer der Gestaltungskraft auch das
phänomenale Gedächtnis des großen Organisten zu bewundern.
In der Folgezeit schrieb ich noch eine Choralfantasie, ferner
zahlreiche zum Teil leicht ausführbare, zum Teil aber auch
anspruchsvollere Choralvorspiele für Sammelbände. Abgesehen von diesen
kleineren Arbeiten, trat die Komposition für die Orgel jahrelang hinter
anderen Aufgaben zurück. Erst 1982 schrieb ich wieder, angeregt durch den
exzellenten Organisten Edgar Krapp, der es dann auch uraufführte, ein
größeres Werk, die Fantasie über den Choral „Ich ruf zu dir, Herr
Jesu Christ“, neuerdings (1986) noch zwei Werke kleineren Umfangs,
eine Passacaglia und eine Toccata, beide mit Verwendung von Choralmelodien. Die Passacaglia war ein Auftragswerk für den
Internationalen Glockentag in Frankfurt am Main (im Mai 1986), sie erlebte
im Rahmen dieser Veranstaltung ihre Uraufführung durch Reinhardt Menger,
die Toccata im Dezember desselben Jahres durch Hans-Joachim Bartsch in
Mainz.
Für Klavier allein habe ich zwar in den dreißiger und vierziger
Jahren einige Zyklen kleiner Stücke und eine Sonatine geschrieben, aber
seit meiner Studienzeit war nie mehr ein größeres Solowerk entstanden.
Es war wohl die Freundschaft mit zwei so hervorragenden Pianisten wie Karl
Weiß und August Leopolder, die mich in den sechziger Jahren zur
Komposition von zwei ausgewachsenen Klaviersonaten beflügelte. Beide
hatten sich schon mehrfach für Musik von mir eingesetzt. Infolge des
frühen Todes von Karl Weiß kam es leider nicht mehr zur Uraufführung
der 1. Sonate durch ihn; diese erfolgte im Jahre 1975 durch Hans-Georg
Homuth in Baden-Baden. Die 2. Sonate wurde 1967 durch August Leopolder in
Frankfurt, eine dritte Sonate 1982 durch Friedrich Wilhelm Schnurr in
Siegen uraufgeführt. Alle drei Wiedergaben deckten sich in optimaler
Weise mit meiner Vorstellung von den Werken. Der letztgenannte Pianist hat
diese drei Sonaten und zahlreiche kleinere Klavierstücke in seinem
Repertoire, auch das Klavierkonzert und die 1980 entstandene Sonate für
zwei Klaviere. Er hat auch eine Schallplatte bespielt, die ausschließlich
Klavierwerke von mir enthält.
Ein umfangreiches Klavier-Opus entstand in
der Zeit von 1967 bis 1970: 64 Miniaturen im Schwierigkeitsgrad von „sehr
leicht“ bis „ziemlich schwer“: Das meiste davon ist noch Manuskript. Meine letzten Klavierkompositionen sind ein Variationenwerk
(über ein eigenes Thema), das ich 1984 auf Anregung der Pianistin
Sontraud Speidel schrieb (1986 von ihr in Bonn uraufgeführt), und eine 4.
Sonate (komponiert 1987).
Trotzdem hat mich die Komposition für Orchester und für
kammermuskalische Besetzungen im Allgemeinen fast noch mehr gereizt als
die für Klavier allein, was wohl vor allem in meinem zu komtrapunktischer
Schreibweise neigenden Stil begründet ist.
In der Orchestermusik bin ich im großen und ganzen mit zunehmendem
Alter zu kleineren Besetzungen übergegangen. Selbst in meiner 1.
Symphonie (1935/36) habe ich bei einer späteren Revision (1979) die
entbehrliche Tuba herausgenommen. Das letzte Stück in relativ großer
Besetzung ist das 1957 entstandene 2. Konzert für Orchester (Uraufführung 1958 in Frankfurt unter Georg
Solti). Die 3. und 4.
Symphonie haben im Wesentlichen „klassische“ Orchesterbesetzung.
Die 3. Symphonie erlebte 1983 – mit einer Neufassung des Finales –
durch das Orchester der Frankfurter Musikhochschule unter Jiry Starek eine
„zweite Uraufführung“, die mir durch ihre Lebendigkeit und die
Einsatzfreudigkeit der Mitspielenden besondere Freude machte.
Hohen kompositorischen Reiz hat für mich auch die Kombination eines
Soloinstrumentes mit Orchester, wobei ich nie über eine mittlere
Orchesterbersetzung hinausgegangen bin: Klavierkonzert op. 21,
Schumann-Variationen (für Klavier und Orchester) op. 88, Violinkonzert
op. 100, Violoncellokonzert op. 96.
In den konzertanten Werken für 2 Klaviere (op. 50), für Oboe (op. 92)
und für Fagott (op. 106) wirkt nur ein kleines Orchester mit.
Zur Kammermusik habe ich von Jugend auf ein besonderes Verhältnis
gehabt, vor allem zu der für Streichinstrumente, obwohl ich leider nie
ein solches gespielt habe. (Dies empfinde ich auch heute noch als Mangel,
aber es ist zu spät, um noch ein Streichinstrument zu erlernen.)
So gibt es – außer einigen Werken für Streichorchester –
insgesamt acht Streichquartette, zwei Streichtrios, ein Streichquintett
und Stücke für Violinen-, Cello- und Kontrabaß-Ensembles, abgesehen von
den Kombinationen mit Klavier oder anderen Instrumenten.
Mehr ein Randgebiet meiner kompositorischen Arbeit, zum mindesten in
quantitativer Hinsicht, ist die Musik fürs Theater. Abgesehen von der
schon genannten Bühnenmusik zu „Der Sturm“, hat mich zu Beginn der
vierziger Jahre ein Opernstoff nach einem Theaterstück von Robert
Browning einige Zeit beschäftigt, ich habe aber diesen Plan nicht weiter
verfolgt, und die Komposition geriet über Skizzen nicht hinaus.
Etwa 1960 begann ich mit der komposition
einer heiteren Oper mit dem Titel „Der gestreifte Gast“. Den Text
schrieb K. H. Schuster, ein mit mir befreundeter Maler und Bühnenbildner
aus Plauen, später viele Jahre in Frankfurt lebend. Dem Stoff liegt eine
Erzählung von Werner Bergengruen zugrunde: „Die wunderliche
Herberge“, enthalten in dem Bändchen „Der Tod von Reval“. Das
Libretto bietet meines Erachtens mancherlei Möglichkeiten, das Sujet ist
aber in der heutigen Zeit nicht gerade aktuell, und zu einer Aufführung
ist es noch nicht gekommen. Meine Arbeit an diesem Opus erstreckt sich –
wegen sehr eingreifender Umarbeitung des Textes und der Musik sowie wegen
anderer in diese Zeit fallender Arbeiten – über einige Jahre.
Einem formellen Werkauftrag haben nur relativ wenige Opera ihr
Entstehen zu verdanken. Bei diesen ist es im Werkverzeichnis angegeben,
soweit es sich nicht um ausgesprochene „Gebrauchsmusik“ handelt,
wie zum Beispiel kleine Motetten, Liedsätze, Choralvorspiele und
ähnliches. Hierzu gehören auch die Musik zu einer evangelischen
Morgenfeier im Süddeutschen Rundfunk sowie die Hörspielmusik zu „Der
kleine Jakob“ (für den Hessischen Rundfunk).
Im übrigen gibt es aber – außer den an anderer Stelle schon
genannten Werken – noch Kompositionen, die zwar nicht einem „Auftrag“,
wohl aber der Anregung von Musikern ihre Existenz verdanken. So hat zum
Beispiel Gerhard Mantel, der glänzende Uraufführungs-Interpret meines
Cellokonzertes, den Anstoß gegeben zur Komposition eines Stückes für
Violoncello solo, oder schon in früheren Jahren das Pianisten-Duo
Hans-Otto und Astrid Schmidt-Neuhaus zu dem Konzert für zwei Klavier und
Orchester.
Gern habe ich auch Kompositionswünsche erfüllt, die von Kantoren und
Chören in der DDR oder im Ausland an mich herangetragen wurden: zum
Beispiel von Erich Schmidt (Meißner Kantorei), Hartwig Eschenburg (Rostocker
Mostettenchor) und Melvin Dickinson (Bach Society, Louisville,
Kentucky). Eine Sinfonietta für neun Blechblasinstrumente habe ich auf
Bitte des „Schweriner Blechbläser-Collegium“ (Leitung Hans Joachim
Drechsler) geschrieben, das es inzwischen wiederholt in der DDR
aufgeführt hat.
Manche Kompositionen verdanken auch ihr Entstehen der Anregung junger
Musiker, die damals noch in der Ausbildung standen und dann die Werke zur
Uraufführung brachten. Meist handelt es sich dabei um Stücke in etwas
ausgefallenen Besetzungen, zum Beispiel für Sologesang mit Klaviertrio,
für Bläserquartett, -quintett oder –duo. Auch Kompositionen für vier
Flöten, für vier (oder mehr) Violinen, für sechs Celli und für vier
Kontrabässe hätte ich wohl kaum aus ur-eigenem Antrieb geschrieben.
Andererseits hat mich gerade die Problematik solcher Besetzungen manchmal
gereizt.
Ähnliches läßt sich sagen von kleinen
Stücken, die ich einmal für eine „Bratschenschule“ geschrieben habe, sowie von einigen Bagatellen für Fagottsolo und für zwei Fagotte
(darunter auch eine “Fughette für Fagotte“). In diesem Fall
hatte ich allerdings etwas Pech, denn das von einem Fagottisten geplante
Schulwerk wurde dann doch nicht realisiert.
Einmal in meinem Leben habe ich die Bearbeitung eines nicht von mir
geschaffenen Werkes übernommen: Im Jahr 1966 bat mich Frau Elisabeth
Furtwängler, ein Frühwerk ihres Mannes, nämlich sein „Te Deum“,
das er schon im Alter von 19 Jahren entworfen hatte, für eine Aufführung
in Berlin (Berliner Philharmonischer Chor unter der Leitung von Hans
Chemin-Petit) einzurichten. Die Originalfassung des Werkes war schon 1910
in Breslau unter der Leitung von Gerog Dohrn zum erstenmal aufgeführt
worden, wenige Jahre später in Essen unter Hermann Abendroth und in
Leipzig unter Karl Straube. Wilhelm Furtwängler selbst hatte die Absicht,
das Jugendwerk, das einige Längen aufwies und stellenweise sehr dick
instrumentiert war, noch einmal zu überarbeiten, war aber nicht mehr dazu
gekommen. Das Werk ist, wie alle bekannten späteren Kompositionen
Furtwänglers auch, groß angelegt, steht aber im Vergleich zu diesem mehr
in der Nachfolge Bruckners, ohne dessen Stil zu kopieren.
Meine Arbeit beschränkte sich auf gelegentliche Straffung des
Formverlaufs und Auflichtung der Instrumentation. Natürlich mußten
infolge der Kürzungen manchmal neue Übergänge geschaffen werden, aber
ohne daß ich irgend welche eigene musikalische Substanz eingearbeitet
hätte. Es war eine interessante Arbeit, die mich aber viel Zeit und Mühe
kostete, zumal sie für mich ungewohnt war und mich bei jedem kleinen
Eingriff Skrupel überfielen, ob er von Komponisten gebilligt worden
wäre.
Bei den Aufführungen, die ich miterlebte, hat mir das Werk mit seinem
großen Atem und in der Ehrlichkeit seiner Aussage starken Eindruck
gemacht. Natürlich ist es keine „Musik unserer Zeit“, aber das
kann man ja wohl auch kaum von einer Komposition erwarten, die am Anfang
unseres Jahrhunderts konzipiert wurde. Das Te Deum wurde, wie man mir
berichtet, anläßlich des 100. Geburtstages von Furtwängler im Januar
1986 in Wien unter der Leitung von Yehudi Menuhin mit großem Erfolg
wiederaufgeführt.
Ergänzend muß ich wohl noch berichten, daß mir zweimal eine
Goethe-Plakette verliehen wurde: 1973 die Goethe-Plakette der Stadt
Frankfurt und 1979 die Goethe-Plakette des Landes Hessen: Sicher nicht auf
Grund von Goethe-Vertonungen, denn das habe ich nur einmal in bescheidenem
Umfang gewagt: „Lieder und Epigramme“ für Männerchor, op. 47.
Was meinen Kompositionstil betrifft, so hat
er im Lauf der Zeit gewisse Wandlungen durchgemacht, und zwar keineswegs
im Sinne einer gradlinigen Entwicklung. Das gilt schon für die
Studienjahre, in denen zum Beispiel nach den etwas spröden, teilweise von
Hindemiths Klaviermusik op. 37 beeinflußten Inventionen (op. 1) Stücke
entstanden, die mehr an ältere Musik anknüpfen und die man wohl damals
mit dem Kennzeichen „typisch leipzigerisch“ versehen konnte. Auch
später hatte ich nach etwas schwerer zugänglichen Werken manchmal das
Bedürfnis, zu einer traditionelleren Schreibweise zurückzukehren. So
entstanden etwa nach der herben 1. Symphonie die relativ einfachen „Sieben
kleinen Klavierstücke“, das Geigen-Divertimento, die „kleine
Suite“ für Orchester und die „Wunderhorn-Lieder“; dann wieder
nach dem damals (1937) Anstoß erregenden 2. Streichquartett eingängigere
Werke wie die Klaviersonatine, das „Concerto grosso“, das
Klavierkonzert, die „Fiedellieder“ und anderes.
Dabei hat – wie beim Trio für zwei Violinen und
Klavier, beim 3.
Striechquartett und bei den vierhändigen Klavierstücken op. 34 – das
Bemühen um eine dem häuslichen Musizieren gemäße Tonsprache,
vielleicht auch meine stärkere Hinwendung zur Chorkomposition den Stil
beeinflußt.
Gemeinsam ist aber allen Kompositionen, unabhängig von der
Entstehungszeit, das Festhalten an der wenn auch oft frei behandelten
Tonalität, am melodischen einfall und der (zum mindesten angestrebten)
geschlossenen Form. Bestrebungen der kompositorischen „Avantgarde“
verfolge ich mit Interesse, aber mein Weg ist nicht der des
Experimentierens mit dem Material; auch habe ich, außer zu Übungszwecken, mich nie einer wie auch immer gearteten Reihentechnik
bedient. Natürlich bemühe ich mich, eine eigenständige Musik zu
komponieren, ich schreibe aber das Wort „neu“ klein, und der Grad
der „Aktualität“ und somit des derzeitigen Marktwertes
interessiert mich wenig.
Zwar überkommen mich gelegentlich Zweifel, ob heutiges Komponieren
überhaupt noch sinnvoll ist. Aber die Freude am eigenen Erfinden hat sich
bisher immer noch stärker erwiesen als alle Bedenken. Wenn die Musik die
ich schreibe, auch nach einem gewissen zeitlichen Abstand mir selbst
gefällt und darüber hinaus einigen Menschen, deren Urteil mir wichtig
ist, etwas zu sagen hat, bin ich durchaus zufrieden.
©
1990 Schott Musik International
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